9 Etappen meiner Trauma-Transformation

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Ich lasse meinen Atem geräuschvoll entweichen. Käthe, meine Bulldogge macht es mir gleich. Während meine Schuhspitzen in den weichen Sand der Ostsee kicken, teilen sich Muscheln, Seegras und Sandkörner den Luftraum vor meinem Gesicht. Sie tanzen wie Flocken, setzen sich mit dem Salz der Meeres auf meine Lippen und küssen diesen Augenblick am Morgen.

„Der Weg ist das Ziel“

Konfuzius ( *vermutlich von 551v.Chr. bis 579 v.Chr. bis Lehrer und Philosoph zur östlichen Zhou-Dynastie

Das Zitat von Meister Konfuzius raune ich dabei in die Seeluft, eine Muschel bannt sich ihre Aufmerksamkeit in meine Gedanken. Weich zeichnet mein Blick ihre Strahlen nach, die sich wie ein Fächer über ihre Schale ziehen. Sie erinnert mich ein wenig an die Jakobsmuschel. Der Legende nach geht die Muschel auf den heiligen Jakobus zurück und gilt als Schutzpatron der Pilger. Zudem dient sie als bekanntes Erkennungszeichen vieler Pilger auf dem Jakobsweg und steht als Symbol für eine erfolgreiche Pilgerreise.

Gelbe Muscheln auf meist blauem Hintergrund zeigen Pilgern in ganz Europa an, ob sie sich noch auf dem richtigen Weg befinden. Irgendwie praktisch. Vor Jahren hätte die Jakobsmuschel die Größe eines Fußballfeldes einnehmen müssen, um mich von meinem Leiden aufs Leben zu lenken.

1. Etappe

Gestrandet

Während Wanderer ihre Pilgerreise auf dem Jakobsweg absolvierten, pilgerte ich Jahre über die Gänge der geschlossenen Psychiatrie, zur Psychotherapie und durch tiefe Täler meiner Symptome und Diagnosen. Die Wahl zwischen Kaffee oder Alkohol, Schmerzmittel oder Tee, weiterleben oder sterben, löste bei mir innere Konflikte aus, wie bei anderen Menschen die Debatten über unkorrekte Werbebilder, gendergerechte Sprache und die „letzte Generation“.

Während ich meine trüben Gedanken wälze, rollt sich Käthe ausgelassen im Sand. Meine Erinnerungen an die Vergangenheit jagen mir Schauer übers Rückgrat. Die Wellen meiner Melancholie türmen sich mit der stürmisch werdender Ostsee auf. Ich beschließe mit Käthe nach Hause zu fahren. Dort beginne ich mit diesem Artikel.

In vielen Therapien lernst du, über deine Probleme zu reden, Traumafolgestörungen zu verstehen und mit Skills, deine Gefühle zu regulieren.

Dennoch blieb ich weiterhin blind in meinem Leiden, taub unter einer Decke aus Schmerz und stumm unter einem Betonklotz vieler Gewalttaten. Irgendwie schien sich trotz aller Bemühungen, in meinem Leben wenig zu verändern.

Diesen Tiefpunkt zu akzeptieren, war schmerzhaft. Zeitgleich war sie mein Neuanfang. Doch wie gelingt es nun, sich wieder auf Leben und Menschen einzulassen, wenn Vertrauen, Verbundenheit und Sicherheit so früh zerstört wurden?

Meine Suche nach Antworten, alternativen Methoden und meinem Ursprung, führte und führen mich auf meine Heilungswege.

2.Etappe

Akzeptanz

Meine Akzeptanz war der Beginn meiner Metamorphose. Sie wandelte die Schwerter Hilflosigkeit, Scham und Angst nach und nach in Schirme der Selbstfürsorge, der Eigenverantwortung und der Lebenslust.

Wege im Leben sind so vielfältig wie es Töne, Rezepte und Realitäten gibt. Ich blogge über MEINE Erfahrungen und hoffe andere Menschen können dadurch profitieren. Dieser Artikel beschäftigt sich vor allen Dingen, mit der Kunst, mit Angst zu leben.

Leben. Nicht verstehen. Spüren, nicht begreifen. Fühlen, nicht kontrollieren. Ich entschied mich bewusst für neue Wege, dies bedeutet gravierende Veränderungen und dies löste wiederum viele Ängste aus. Stelle dir vor, du möchtest eine Weltreise machen. Trotz der Vorfreude, werden dich auch Ängste begleiten. Wie und wann geht es los? Musst du dafür deinen Arbeitsplatz kündigen? Was passiert, wenn du auf der Reise erkrankst? Ist es der richtige Zeitpunkt?

Ich stellte mich also auf das Sprungbrett Leben und schaute erst in ein weit aufgerissenes Haifischmaul. Ich sah anfänglich nicht den Ozean voller Möglichkeiten. Doch nach und nach rissen die Fäden der Annahmen, die scharfen Seile von Erinnerungen und die Ketten alter Glaubenssätze.

Mit meinen Ängsten andere Wege zu gehen, wurde so zu einer Exit- Strategie aus dem Leiden zurück ins Leben.

Moin, ich bin Sascha, ver-rückt im Leben und nach Leben.

Wer bist du?

3.Etappe

Fluchen, fallen, flennen

Anstehende Veränderungen lösen bei den meisten Menschen Ängste aus.

Der neue Job, das erste Date nach 15 Jahren oder dein erster Vortrag vor 50 Leuten. Fast reflexartig raten Ängste uns ab. Meine Ängste rieten mir generell von Allem ab. Zu jener Zeit barg selbst das Öffnen meine Haustür eine Gefahr, Umweltgifte, toxische Menschen und TRIGGER, sie lauerten überall. Dabei verhielten sich meine Ängste wie muskulöse Türsteher auf der Reeperbahn.

“ Du kommst hier nicht rein“, massiv versperrten sie mir den Eingang zu neuen Erfahrungen. Diese gelebte Wahrheit fühlte ich so. War sie korrekt? Nein! Aber sie überzeugte mich lange. Bis ich….

„An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“

Charlie Chaplin ( *16.April 1989 in London †25.Dezember 1977 in der Schweiz (britischer Schauspieler, Komiker, Filmregisseur, Drehbuchautor, Schnittmeister, Komponist, Filmproduzent)

meinen Tanz zwischen Symptomen, meinen Wunsch zu leben und den normalen Anforderungen des Alltags begann. Ich hatte nur zwei linke Füße. Ich stolperte zwischen Spülmaschine ausräumen, zum Arzt fahren, joggen, bloggen, fluchen, mit dem Hund raus, um abends unter Tränen, die Zuversicht in der Weinflasche zu verlieren.

Die Mühlen der Justiz mahlen oft genauso langsam wie die Mühlen der Transformation.

Doch sie mahlen.

Nach Traumata wieder ins Leben zu kommen, verzeihen zu lernen und Dankbarkeit zu entwickeln war f*** schwer. Ich fühlte mich wie auf einer Weltreise mit Fahrrad, nur ohne Rad und Google Maps. Doch gleichermaßen erlebe ich diese Reise so wundervoll, magisch und vielfältig.

Also beklage dich, wenn du in Veränderungsprozessen steckst. Fluche wie eine Kesselflickerin, gehe Holzhacken, renne durch den Wald, schreie laut mit dem Sturm, weine mit dem Regen, sei stumm, leise…

Drücke deine Gefühle aus, nicht weg!

Der Tanz des Lebens benötigt keine perfekten Schritte. Viel wichtiger ist dabei, ein Gespür zu entwickeln, welche Schritte deine Seele braucht.

Ich entdeckte auf meinem Heilungsweg, die Kraft der Spiritualität. Zusätzlich begleitet mich Lektüre der Psycho-Traumatologie, fernöstliche Philosophie, Persönlichkeitsentwicklung und Neurowissenschaften.

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen durch lebensnahe und spirituelle Ansätze auch in der ambulanten/stationären Psychotherapie profitieren werden.

Namaste

4. Etappe

Wissen und Quellen nutzen

Wege sind Verbindungen zwischen Orten, Herzen, Menschen und auch Nervenzellen. Furchen und Schluchten werden in Felds, durch Landschaften und Meere gezogen, um Länder, Landzungen und Hindernisse zu überbrücken. In der Hirnforschung wird auch von Pfaden gesprochen. Von neuronalen Pfaden.

Sehr, sehr, sehr, sehr vereinfacht sind es Verknüpfungen, die dein Gehirn durch erworbene Erfahrungen, Ereignisse und Wiederholungen angelegt hat.

Diese Pfade beeinflussen, wie kleine Diktatoren, die Art deiner Handlung, deine Reaktion und deine Gefühle auf äußere und innere Stimuli ( Trigger). Die Neuroplastizität beschäftigt sich mit der Möglichkeit des Gehirns (sich auch nach frühkindlichen Traumatisierungen) neu zu strukturieren und zu verknüpfen.

Diese Aspekte der Traumatologie im Zusammenhang mit Psychotraumatisierungen sind mir sehr wichtig. Ich erwähne sie dennoch nur kurz. Sie enthalten viel Potenzial für dein persönliches Wachstum und deine Veränderung im eigenem Verhalten und Denken. Dieses Wissen lässt erahnen, dass neue Verhaltensweisen, wie eben auch die Kunst mit Angst zu leben, Zeit und Übung benötigen.

Wege in die Heilung sind zarte, unsichtbare Pfade, die oft von der Stimme deines Herzens und deinem Mut begleitet werden. Die erlebte Gewalt hatte meine Herzstimme verschreckt. Ich brauchte viel Zeit, Geduld und Unterstützung, um ihre Sprache wieder wahrzunehmen. Fast wie ein scheues Reh lebt deine Herzstimme vielleicht auch in dir und versucht sich, dir auf unsichtbaren Pfade zu nähern.

Was braucht dein Herz, um wieder zu vertrauen?

5. Etappe

Starten, beginnen, anfangen

Stehst du auch auf deinem persönlichem Sprungbrett? Eine anstehende Veränderung löst Ängste bei dir aus? Sie flüstert dir dabei ins Ohr, dass dein Vorhaben scheitern wird.

Aber!

Meine innere Herzstimme weiter zu ignorieren hätte mich nicht nur viel Antidepressiva, wahre Freude und Gesundheit gekostet, sondern wertvolle Lebenszeit.

Falls du also vor einer Veränderung stehst, die dein Leben zufriedener machen könnte, streiche das Wort ABER aus deinem Wortschatz und ersetzte es durch

JETZT

Am Beginn meines Heilungsweges häuften sich die Anforderungen massiv. Meine Ängste nahmen sogar zu. Der Teufel kackt auf den größten Haufen. Zeitweise brauchte ich einen Schaufelbagger, um der Situation Herr zu werden. Doch die Belohnung war groß. Ich durfte erfahren wie sich meine emotionalen Probleme und mein Erleben durch aktives Handeln komplett veränderten. So ist es mir heute unter anderem möglich eine Gruppe zu leiten, mit meinen sozialen Phobien vor Jahren undenkbar.

6. Etappe

Ansprüche überdenken

Mein Herz schlägt bei einigen, neuen Anforderungen wie ein Kolibri in meiner Brust. 40 bis 50 Schläge pro Sekunde sind es nicht. Aber mein Blutdruck, Ausreden und Zweifel erhöhen sich spürbar in diesen Augenblicken.

Herausforderungen laufen nicht davon. Sie zeigen mehr Zivilcourage als viele Menschen, die Diskriminierungen in der Öffentlichkeit tonlos mit den Augen verfolgen.

Inzwischen hat sich mein Verhältnis zur Angst sehr verändert. Ich mag ihre radikale Art, ihre konfrontative Weise. Dennoch schlage ich ihre Einladung zu einer weiter Challenge gelegentlich aus.

Ich ziehe eine Verabredung mit der Stille, der Gemütlichkeit oder Lustlosigkeit vor. So ist das in gelingenden Beziehungen. Jeder äußert seine Bedürfnisse und erwartet vom Anderen nicht, dass er sie befriedigt. Klappt das immer? Nein, denn genau wie in lebendigen Beziehungen funktioniert nicht alles nach Plan. Irgendwie alles Prozesse.

Wir sind alle keine Maschinen. Lange bestand auch bei mir der Wunsch meine Vergangenheit zu verarbeiten, Symptome zu reduzieren und zu funktionieren. Diese Diskrepanz zwischen Wollen und Können hat mich ziemlich ausgebrannt.

Überlastung nährt sich vom Tempo, dem Vergleich und der eigenen Ignoranz der Seelenrufe.

7. Etappe

Achtsamkeit

Auf der einer Seite gibst du weiter Gas, um dein Pensum zu schaffen, während deine Psyche und dein Körper mit dem anderen Bein auf der Bremse steht. Was passiert nach einiger Zeit mit deinem Auto? Motorschaden. Dann gehörst du vielleicht zu den Glückspilzen, die sich dann einen anderen Wagen kaufen können.

Was machst du aber mit deinem Körper, deine Psyche oder deinem Geist?

Die Seele folgt ganz anderen Gesetzen als menschlichen Entwürfen einer erfolgreichen Zukunft.

Situativ deine Ansprüche zwischen Wollen und Können, zwischen Wunsch und Realität zu überprüfen und liebevoll darauf zu reagieren, kann ein Weg in mehr Zufriedenheit und Gelassenheit werden.

8. Etappe

Langsamkeit (m)ein neues Tempo

Meine Ungeduld, meine Traumafolgestörung zu überwinden, war enorm. Dieser Antrieb fungierte wie ein Personal Trainer. Während ich nach 7 Kilometren nach Luft schnappe, flötet er mir fröhlich entgegen,

“ 3 Kilometer schaffst du noch.“ Er war fleißig, zuverlässig und beharrlich. Mein Wunsch gesund zu werden, war Motivation und Qual gleichermaßen. Ich verletzet mich lange Zeit mit meiner Ungeduld, meinen überhöhten Ansprüchen und dem Wunsch, schnell zu genesen.

Treiben deine Erinnerungen, Ansprüche und schmerzhaften Gefühle dich öfter auch voran, obwohl deine emotionale oder körperliche Grenze erreicht ist?

Es gleicht dem Versuch einen antiken Ohrensessel, mit einem Winkelschleifer zu bearbeiten. Schnell willst du die verlorene Schönheit, unter den Lacken und dem Staub der Jahre zum Vorschein bringen. Du ahnst seinen Wert, trotz der Blessuren, Kratzer und Holzwürmer. Doch gehst du wirklich mit einem Winkelschleifer über seine Schnitzereien? Oder arbeitest du fein säuberlich mit Schleifpapier, um ihn Millimeter um Millimeter von seinen alten Schichten zu befreien?

Wie Achtsamkeit heilst du? Wie bewusst restaurierst du dein Leben? Deinen Körper? Deinen Geist?

Bei Heilungswegen nach Trauma geht es nicht um Tempo und Leistung, wider aller Ansprüche und Anforderungen einer Leistungsgesellschaft. Ausdauer, Achtsamkeit und Hinwendung sind meine Werkzeuge bei meinen Wegen in Zufriedenheit oder Heilungsprozessen..

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern die wir zu wenig nutzen.“

Seneca

Daher schickte ich meinen Antreiber in Pension. Bei Bedarf ist mein Personal Trainer auf Abruf erreichbar. Er liebt seinen Job, doch Zeiten, Bedürfnisse und Arbeitsbedingungen ändern sich.

9. Etappe

Open End

Die Kunst mit Angst zu leben, ist Ein wichtiger Meilenstein auf meinem Weg in die Heilung geworden. Angst ist mein Wanderkreuz an den Weggabelung von Entscheidungen. Nicht das Kreuz, nicht der Weg, nicht die Entscheidung.

Daraus erwachsen immer wieder wunderbare Momente, Begegnungen und Stunden der Zufriedenheit.

Es gibt für mich keinen Fahrplan der Heilung, die Seele bestimmt den Plan.

Wie wird nun dein Weg zu einer Erlebnisfahrt, einem Abenteuer, eine Werkstatt für deine Zukunft, eine Goldmiene? Ich weiß nicht wie aber ..

Jetzt

ist genau die Möglichkeit mit einer Veränderung zu beginnen. Es braucht Mut, um vom Sprungbrett ins Unbekannte zu springen. ich versehe dies sehr gut, deshalb habe ich auch diesen Blogartikel geschrieben, um dir auch etwas Mut zu machen.

Meine Angst vorm Scheitern, habe ich erst beim Tanzen vergessen.

Ich wünsche dir bei deinem Tanz, liebevolle Menschen, die mit dir und neben dir gehen und viele Wegmarken auf deiner Reise, die dir in deiner Dunkelheit ein Licht sind.

Vielleicht bist du auch schon mittendrin. Möchtest du andere Menschen daran teilhaben lassen? Denn ich bin sehr an deiner Story interessiert..

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Viel Freude beim Leben und Lesen meiner Artikel, alles Liebe Sascha

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