Alltagstress, Impulsivität und andere Trigger

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Meine Tränen tropfen mir von den Wangen in mein Blumenbeet, wie ein Bach voller Enttäuschung und Wut. Die Köpfe der Sonnenblumen lassen ähnlich tief ihre Köpfe hängen, wie der Kopf auf meinen Schultern. Leicht apathisch halte ich den Wasserschlauch, der selbstständig seiner Aufgabe nachgeht. Vor ein paar Minuten ermahnte mich meine Mutter wieder einmal am Telefon, dass ich mich zu sehr gehen ließ. Meine „depressive Phase“ müsste nun doch endlich überwunden sein, waren die letzten Worte, bevor ich wortlos auflegte. „Du kannst doch deine Blumen nicht mit dem harten Strahl wässern “ torpediert Nachbars Stimme meine Gedanken, wie Hagelkörner einen sanften Sommerabend. Mein schon angeschlagenes Nervenkostüm trägt gerade ein knallrotes, nervliches Minikleid, welches für seine Augen jedoch unsichtbar ist. Knapp und eng liegt es innerlich, um mein schlechtes Gewissen und dem Ärger über die Äußerungen meiner Mutter. Abrupt drehe ich mich um, ziele auf meinen Nachbarn mit der Gartenpistole. „Spinnst du?“ gurgelt es aus dem Wasserstrahl. „Sorry“ war ein Reflex, lüge ich. Ich rolle den Schlauch samt meiner impulsiven Reaktion zusammen und ziehe mich in meine Wohnung zurück.

„Wie fühlen Sie sich gerade?“, fragt mich meine Therapeutin als ich ihr einen Tag später von meinem gestrigen Desaster erzählt. “ Wie ein tranchiertes Huhn. Ich bin verrückt geworden.“ Sie runzelt leicht die Stirn, notiert etwas in ihrem Buch.

Auslöser, Reize und Reaktionen

„Ihr Nachbar scheint etwas in Ihnen ausgelöst zu haben. In der Psychologie sprechen wir von Triggern. Kennen Sie Situationen aus ihrer Kindheit, in denen Ihnen vorgeschrieben wurde, wie sie Dinge zu erledigen haben?“ Sie schaut mich konzentriert über ihre Brille hinweg an.

„Eventuell habe ich bei meinem Nachbarn etwas heftig reagiert, aber gleich wie ein Pflug, durch die unbewussten Gräben meiner Kindheit zu ackern, ist völlig übertrieben“, entgegne ich etwas zu forsch. Sie notiert sich erneut etwas in ihrem Buch. Bevor sie fortfährt mir einige Zusammenhänge von Triggern, impulsiven Verhalten und unverarbeitete Traumata zu erklären. Sie bittet mich, im Alltag auf Situationen zu achten, auf die ich stark emotional reagiere, um in den folgenden Sitzungen damit zu arbeiten. „Es wäre leichter, auf Situationen zu achten, die zurzeit keinen emotionalen Stress auslösen“, seufze ich schwermütig. Sie verabschiedet sich mit einem milden Lächeln und begleitet mich zur Tür.

Trigger lauern überall

Den Rückweg nutze ich, um mit meiner Selbstbeobachtung zu beginnen. Ampel steht ungewöhnlich lange auf rot, ein Fahrradfahrer überfährt mich fast auf dem Gehweg, meine Lieblingsschokolade ist ausverkauft, ein mir unbekannter Mensch lächelt mich an, an der Kasse muss die Kassenrolle gewechselt werden. Ich breche die Selbstbeobachtung nach 1 Stunde frustriert ab, indem ich mir einen Donut kaufe und ihn trotz bester Vorsätze, innerhalb von 10 Sekunden verschlinge.

Ich nehme die Bahn, um nach Hause zu fahren. Vorsichtshalber stelle ich meinen Rucksack auf einen freien Platz im Zug neben mich. Ich brauche heute unbedingt eine natürliche Barriere zwischen unfreiwilligem Körperkontakt, fremden Ausdünstungen und ungefragtem Small Talk. Die Vielfältigkeit der Platzhalter anderer Fahrgäste erstaunt mich. Anstelle des Badehandtuches auf der Sonnenliege am spanischen Urlaubspool, reservieren heute die Fahrgäste Plätze mit ihren Koffern, einem Regal, seinem Hund, einer Fertigpizza und einem Katzenkorb. In Zeiten von Corona, Streiks und zunehmender Rücksichtlosigkeit der Mitmenschen bin ich insgesamt vorsichtiger bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel geworden. Zusätzlich beunruhigt mich ein kürzlich gelesener Artikel im Internet. Demnach gibt es eine steigende sexuelle Belästigung während der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mein Alarmsystem scannt auf Hochtouren mein Abteil nach potenziellen Grabscher*innen, tatverdächtigen Menschen und zwielichtigen Passagieren.

„Ist da noch frei“? spannt eine Stimme den Faden zurück zur Realität. Meine Gedankengänge und mein subtiles Rucksack- Statement werden von ihm penetriert. Ich überlege kurz meine Therapeutin anzurufen. Stresshormone fluten mich, dabei wird mein Mund trocken, wie beim Verzehr von Brandt-Zwieback. Zusätzlich spüre ich ein leichtes Prickeln in meinem Kopf, als hätte ich Ahoi Brause inhaliert. Ich starre ihn an.

Emo – Slogan

“ Wenn sie zwei Sitzplätze beanspruchen wollen, müssen sie zwei Fahrkarten samt zwei Sitzplatzreservierung vornehmen „. Ein paragraphenreitender, neunmalkluger Teenager füllt gerade ahnungslos mein Trigger Magazin nach. Er ahnt nichts, von meinen Wunsch nach Distanz, meiner sozialen Phobie und meinem aktuellen Problem, impulsives Verhalten zu kontrollieren.

Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol feiern eine Party in meinem Körper. Ich bin zwar Gastgeber der Lokation, aber fühle mich der Kontrolle beraubt. Spontan entsteht aus diesem Hormoncocktail die Idee, Emo- Slogan-Plaketten zu entwerfen. Diese Emo – Slogans können, wie Buttons oder Namensschilder an der Kleidung getragen werden. Sie enthalten eine Kurzinfo über die derzeitige emotionale Verfassung des Trägers. So könnte auf diesem Button ein personalisierter Slogan gedruckt stehen, mein Freund hat mich betrogen, mein Strom wurde abgedreht, Kitaplatz war wieder vergeben, bin befördert worden, frisch verliebt oder emotional instabil. Meine Idee nimmt zeitgleich mit meiner Pulsfrequenz Fahrt auf. Zudem hätte jeder Mensch die Möglichkeit, sich seinen Stempel selbst zu stanzen und würde der Stigmatisierung einiger Menschen zuvorkommen. Meine Idee verselbstständigt sich weiter im Rausch der Stresshormone. Gerade als ich über Motto- Plaketten nachdenke, reißt mich ein genervtes „Hallo!“ erneut aus meiner inzwischen visionären Geschäftsidee.

Hormonrausch

„Hallo, Hallo, Hallo“, äffe ich den neunmalklugen Teenager nach, dabei macht mein Rucksack samt meiner impulsiven Reaktion für ihn Platz. Ungläubig schüttelt er den Kopf , wendet sich ab und geht. Meine Blicke torpedieren. Meine Aufmerksamkeit wird von einem weiteren Fahrgast gebannt. Seine Kopfhörer umfassten fast seinen gesamten Körper. Ich krame hastig mein Notizbuch hervor. Dort notierte ich: Meine Welt ist voller Trigger, Kopfhörer kaufen!!!Als ich zu Hause erschöpft ankomme, widerstehe ich nicht der Versuchung, eine Flasche Sekt zur Beruhigung zu trinken. Ich verstehe mich nicht mehr.

Wortart & Lebenskunst

Wege zu Selbsterkenntnis sind wundersam, schmerzhaft und abenteuerlich. Viele Episoden im Leben verstehe ich rückwirkend komplett anders. damals haben sie mir viel Energie, Kraft und Zuversicht geraubt. Heute bringt mich Leben und Menschen viel weniger in Stress. Sekt und Betäubungsmittel sind schon lange nicht mehr mein Mittel der Wahl, um mein Nervensystem zu beruhigen. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht um die Folgen von Trauma und den resultierenden Symptomen. Heute blogge ich darüber, kläre auf, begleite Menschen und erstelle Content.

Mein Blog Wortart & Lebenskunst symbolisiert meine Reise, meine Leidenschaften und meine Mission. Ich freue mich, dich mit weiteren Artikeln inspirieren und unterhalten zu dürfen. Trage dich dazu in meinen kostenlosen Newsletter ein, um keine Neuigkeiten zu verpassen.

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